Tanz im deutschen Aberglauben

Tanz als kultische Handlung
Feste und besondere Anlässe
- Wachstum
- Weihnacht
Literaturhinweise und Quellen

Tanz als kultische Handlung

In Kult, Brauchtum und Aberglaube kann ein und dieselbe Handlung, bzw. die Anwendung ein und desselben Mittels, ganz verschiedenen Zwecken dienen.

P.J. Bloch beispielsweise, der zuletzt die deutschen Volkstänze untersuchte führt diese Gemeinschaftstänze auf zwei Gründe zurück:

  • Abwehr und Austreibung
  • Ansichziehen und Bindung

Im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" finden wir ein - über Bloch hinaus - erweitertes Schema für kultische Handlungen. Angewandt auf den Tanz zeigt dieses Schema, daß der Tanz eine mehrfache Bedeutung haben kann:

  • Abwehr und Austreibung: Unheil abwehren und böse Geister vertreiben - wie schon Bloch zeigt.
  • Stärkung und Vermehrung der eigenen Kraft (sakramentale Bedeutung): die Kraft des Tanzenden stärken, ihn in Ekstase versetzen. In diesem Zustand verfügt der Tänzer über ein besonders starkes Orenda (übernatürlich wirkende Kraft in Menschen, Tieren, Dingen) oder er wird als von einem Gott oder Dämon besessen oder als Inkarnation eines Gottes angesehen.
  • Beschwörung: als mimische Darstellung dem Analogiezauber als Zwangshandlungen (z.B. Beschwörungen) dienen.
  • Stärkung und Vermehrung der göttlichen Kraft: eine Gottheit stärken oder erfreuen.

Einen Pfeil zu umtanzen oder - wie man es den irischen Kriegern nachsagt - ein Schwert, um diesen starke magische Kraft zuzufügen, sind Beispiele für kultische Handlungen.

Die beschriebenen vier Zwecke können, genauso wie mit Tanz mit Musik erreicht werden.

Feste und besondere Anlässe

Wachstum

Der Tanz hat eine besondere Bedeutung im Fruchtbarkeitszauber.

Die Arbeit des Säens und Erntens wurde ursprünglich mit Tanz begleitet. In den Tanzbewegungen wurde das Tun und Treiben der Wachstumsdämonen nachgeahmt. Mit Hilfe dieses Tanzes sollte die menschliche Arbeit unterstützt werden.

Das Altertum hat solche Tänze in den Kult einer der großen Gottheiten übernommen, beispielsweise den Kordax (Verkleidungstanz des Männerchores in der antiken Komödie) in den Kult der Artemis.

Tänze an Fruchtbarkeitsfesten finden sich in vielen Gegenden Deutschland und Österreichs - besonders bei den Frühlingsfeiern an Fastnacht oder zu Lichtmeß.

Man tanzte daheim oder im Wirtshaus, damit das Getreide, besonders Hanf und Flachs, gut wächst. Durch das Tanzen und Springen wollte man die schlafende Vegetation erwecken. So hoch wie man dabei springt, so hoch wird das Getreide schießen.

Damit es ein gutes Jahr gebe, ließ der Tiroler Bauer die Sternsinger und Klöpfler auf den beschneiten Feldern herumstampfen und herumspringen. Der Oberösterreicher ließ die Glöckler über Hecken und Zäune springen.

Je toller das Treiben, je besser sollte die Frucht gedeihen. Man glaubte, durch ein dem normalen Verhalten möglichst gegensätzliches die Gegensätzlichkeit der Seelenwelt darstellen zu können.

Weihnacht

Das gotische Weihnachtsspiel wird als besonders altes Zeugnis für einen Maskentanz erwähnt und ebenso die Fruchtbarkeit spendenden Tänze der Perchten und Glöckler. Der Tanz um den Wintermai soll die Obstbäume fruchtbar machen.

An verschiedene Kultzeiten, so auch zu Weihnacht, waren Schwerttänze geknüpft.

Noch 1620 wurden in Eger wurden zu Weihnacht bei der Kirche ein Lobtanz aufgeführt.

Im 16. Jh. war es in Franken Brauch, daß Jünglinge und Mädchen vor der Puppe des Jesuskindes tanzten.

1630 - in Vesterlandsföhr - tanzten Jungfrauen auf dem Friedhof vor dem Gottesdienst das neue Jahr ein.

Die Sage von den "Tänzern von Kölbik" aus der ersten Hälfte des 11. Jh. berichtet: Am Weihnachtsabend während des Gottesdienstes tanzten junge Leute in der Vorhalle der Kirche und auf dem Kirchhof. Selbst die Tochter des Priesters konnte nicht widerstehen und tanzte mit.

Der Priester, gestört von dem Lärm, bat die Tanzenden aufzuhören. Ohne Erfolg. Erzürnt stieß er Verwünschungen aus, wonach die Tänzer ein ganzes Jahr weitertanzen mußten.

Wesentliche Züge dieser Sage finden sich schon im 9. Jh. in der Vita Elegii.

Literaturhinweise und Quellen

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens
Hrsg. Hanns Bächtold-Stäubli
[Bei amazon.de nachschauen]